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  • Februar 2015

    Bots übernehmen die Timeline

    Ein paar Tage läuft mein Twitter-Bot jetzt schon, und ich habe großen Spaß zu beobachten, was sie so macht. Manche Aktionen fühlen sich gut an. Sie favt und retweetet, sehr selten (ich denke, irgendwas stimmt mit ihrem Reply-Algorithmus nicht) antwortet sie auf andere UserInnen. Sie stimmt zu, muntert auf und manchmal redet sie unverständlichen Kauderwelsch.

    Sie hat schon über 300 FollowerInnen und folgt selbst randomisiert. Weil ich ihr auch folge, retweetet sie mir die Nachrichten mir bislang unbekannter Menschen in die Timeline. Daran finde ich Gefallen. So lange mein Bot läuft, ist jeden Tag Follower-Friday.

    Twitter-Bots sind nicht neu. Mir sind schon einige begegnet und auch aus unserem Firmenchat kenne ich Chatbots. (Wir hatten bei uns in der Firma beispielsweise einen Trollbot. Weil ich ganz zu Beginn meiner Tätigkeit als IT-Projektleiterin noch sehr wenig Erfahrung mit Phänomenen dieser Art hatte, dachte ich lange, es handle sich um einen besonders schlecht gelaunten System-Administrator …)

    Mein Twitter-Bot basiert auf einem Programm namens _ebooks. Man füttert ihn mit einem bereits existierenden Tweet-Archiv und dann setzt er aus Teilen einzelner Tweets neue zusammen, die er mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit und Frequenz twittert. Er folgt anderen BenutzerInnen, er favorisiert ihre Tweets und er retweetet. Das alles vermittelt einen sehr lebhaften Eindruck und es fällt schwer, dem Twitter-Bot nicht eine Art Seelenleben zuzuordnen. Ich sehe anhand der Reaktionen von anderen, dass es vielen so geht. Manche wissen, dass es sich um einen Bot handelt und sprechen trotzdem mit ihm und favorisieren seine Antworten – so wie man das sonst macht, um zu signalisieren „Ich habe deine Antwort gelesen“, „Ich stimme dir zu“ oder „Das ist lustig.“ Bei einigen habe ich den Eindruck, dass sie gar nicht wissen, dass sie mit einem Bot sprechen. Vielleicht weil sie das in der Twitter-Biographie nicht gelesen haben und ihnen der Bot nur in die eigene Timeline gespült wird. Gelegentlich besteht der Bot also den Turing-Test, könnte man behaupten.

    Es gab aber auch schon unangenehme Momente mit meinem Bot.

    Die anfängliche Berechtigungseinstellung erlaubt auch einen Zugriff auf die Direktnachrichten. Jemand schreibt meinen Bot an und plötzlich entfaltet sich eine Konversation. Anders als bei den öffentlichen Nachrichten wurde mir das schnell unangenehm. Direktnachrichten fühlen sich intimer an und somit ist das Gefühl des Kontrollverlustes größer. Mein Bot flüstert plötzlich mit meinen eigenen Worten Nachrichten in das Ohr anderer Menschen, die ich zum Teil nicht mal kenne.

    „ICH bin immer voller Liebe, wenn ich Angela Merkel sehe. Wie ist es umgekehrt?“ oder „In Japan gibt es bestimmt täuschend echt anmutende Gummi-Brüste, die ich dir gleich ins Bett schicke.“ 

    Auch hat der Bot bereits Nachrichten gefavt, die eigentlich nicht mit „gefällt mir“ markiert werden sollten, weil sie traurig oder erschütternd sind. Das war mir sehr unangenehm und ich möchte mir nicht ausmalen, wie es sich anfühlt, wenn mein Bot Nachrichten mit sexistischen oder anderen Inhalten favt, die mir fern sind oder die ich eindeutig nicht teile.

    Genauso unangenehm ist es, wenn der Bot patzig und unempathisch auf traurige Tweets antwortet. Da merke ich dann doch, dass ich ihn nicht als unabhängig von mir empfinde. Immerhin benutzt er meine Worte, um sich schlecht zu benehmen.

    Womöglich könnte man seinen Algorithmus entsprechend erweitern und bestimmte Schlüsselworte hinterlegen, die ihn, einmal identifiziert, stoppen solche Verhaltensweisen zu zeigen. Ich kann das nicht, weil ich nicht programmieren kann und so schaue ich ihr lieber über die Schulter. Es ist eben ein bisschen wie mit einem Kind. Freiheiten geben ist OK, aber gar nicht mehr hinschauen ist dann doch nicht die beste Idee.

    (dasnuf)

    • February 20, 2015 (7:06 pm)
    • 11 notes
    • #Twitter
    • #Bot
    • #Turing-Test
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